Kapitel 12 – Wenn Stille lauter wird als jede Angst
Jayden wusste nicht, wie lange er geweint hatte.
Es fühlte sich an, als w?re die ganze Angst der letzten Wochen über ihn hereingebrochen und h?tte ihn ausgewrungen wie ein nasses Tuch. Nichts in ihm schien mehr stabil zu sein. Seine H?nde zitterten, sein Kopf schmerzte, sein Herz schlug viel zu schnell – und doch lag darin ein bedrückendes Gefühl von Leere.
Die Bilder des Abends brannten sich wie glühende Splitter in seine Gedanken:
Jonathan auf dem Boden.
Blut an seiner Schl?fe.
Chen, v?llig au?er sich vor Wut.
Akira, zitternd zwischen Verzweiflung und Zusammenbruch.
Die Sirenen.
Die Stimmen.
Der Schock.
Alles kreiste wie ein Sturm in ihm, ohne einen Moment der Ruhe.
In dieser Nacht, als Jonathan endlich – mit einer leichten Gehirnerschütterung – eingeschlafen war und Chen noch immer mit Lehrern und dem Trainer unten im Foyer sprach, sa? Jayden allein am Fenster.
Der Campus lag still vor ihm.
Keine Schritte.
Keine Stimmen.
Nur das gleichm??ige Ticken der Uhr und sein atemloses Herz.
Jayden drückte die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe.
So konnte er nicht weitermachen.
Nicht mit dieser Angst im Nacken.
Nicht mit dem Gefühl, dass alle um ihn herum langsam an der Sorge um ihn zerbrachen.
Nicht mit dem Druck, die beiden Menschen, die ihm am wichtigsten waren – Jonathan und Chen – in Gefahr zu bringen.
Ich halte das nicht mehr aus.
Ich brauche Abstand.
Ich muss gehen, bevor ich zerbreche.
Sein Blick fiel zu Jonathan.
So blass.
So friedlich im Schlaf.
Ein Stich ging durch seine Brust – Liebe, Schuld und Angst zugleich.
Sein Bruder.
Nicht durch Blut, sondern durch Herz.
Der Mensch, den er niemals verletzen wollte.
Und dann dachte er an Chen.
An Chens Augen, als er ihn gehalten hatte.
An die W?rme seiner Stimme.
An das Versprechen:
?Solange ich atme, wird dir niemand wehtun.“
Dieser Gedanke tat weh.
Zu sehr.
Denn Jayden wusste, dass er nicht die Kraft hatte, sich dieser N?he zu stellen, solange er innerlich auseinanderfiel.
Also stand er auf.
Leise.
Behutsam.
Als wolle er den Schmerz nicht wecken.
Er packte seine Tasche.
Jede Bewegung fühlte sich an, als würde er einen Teil von sich selbst zusammenfalten und verstauen – ein Stück Angst, ein Stück Liebe, ein Stück Vergangenheit.
Er schrieb keinen Zettel.
Keine Nachricht.
Nichts.
Worte h?tten es nur schwerer gemacht.
Und als die Sonne gerade den Horizont berührte, schlich Jayden durch den stillen Flur.
Den Rucksack über der Schulter.
Die Schritte kaum h?rbar.
Den Atem stockend.
Er ging zum Busbahnhof.
Und stieg ein.
Sein letzter Gedanke, bevor sich die Türen schlossen:
Es tut mir leid.
Euch beiden.
Mehr, als ihr je wissen werdet.
Als Chen am Morgen ins Zimmer kam, um nach Jonathan zu sehen, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte.
?Wo ist Jayden?“
Jonathan blinzelte verschlafen.
?Er… war doch—“
Dann sah er das leere Bett.
Keine Schuhe.
Keine Jacke.
Der Rucksack weg.
?Nein.“
Seine Stimme brach.
?Nein, nein, nein… Er war gestern so fertig. Er würde doch nicht—“
Chen durchsuchte das Zimmer wie jemand, der nach Luft ringt.
?Irgendwas muss er dagelassen haben. Eine Nachricht. Irgendwas.“
Doch da war nichts.
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Nur Stille.
Kathie kam dazu, blieb abrupt stehen. Ihre Hand glitt vor den Mund.
?Was ist passiert?“
Jonathan sagte tonlos:
?Jayden ist weg.“
Chen starrte auf den Boden.
?Ich h?tte bleiben sollen… Ich h?tte—“
?Du konntest das nicht wissen!“ Kathies Stimme zitterte, als versuche sie, sich selbst zu überzeugen.
Doch es war zwecklos.
Der Schmerz hing wie Nebel im Raum.
Am Nachmittag erschien Akira im Wohnheim.
Er stand in der Tür wie ein Schatten seiner selbst – blass, zittrig, als h?tte er seit Tagen nicht geschlafen.
?Ich… muss mit euch reden“, flüsterte er.
Chen spannte sich sofort an.
Doch Jonathan hob eine Hand.
?Lass ihn.“
Akira trat ein. Seine Knie schienen jederzeit nachgeben zu k?nnen.
?Ich wollte nie, dass das so endet“, begann er.
?Ich war verletzt. Eifersüchtig. Wütend. Und ich habe… alles falsch gemacht.“
Tr?nen liefen über seine Wangen.
?Es tut mir leid. So unendlich leid. Besonders wegen Jayden.“
Chen sagte kalt:
?Du hast ihn zerst?rt. Und du hast Jonathan verletzt.“
Akira nickte nur.
?Ich wei?.“
Seine Stimme brach.
?Und ich würde alles rückg?ngig machen… alles.“
Jonathan sah ihn lange an.
Müde.
Ehrlich.
Er war nicht nachtragend – das war seine gr??te St?rke und gleichzeitig sein gr??tes Risiko.
?Ich glaube dir“, sagte er schlie?lich.
Ein tiefer Atemzug.
?Aber Jayden ist weg. Deine Entschuldigung erreicht ihn nicht.“
Akira starrte ihn an, als h?tte jemand ihm den Boden unter den Fü?en weggezogen.
?Weg…? Wirklich weg…?“
Chen antwortete nur:
?Niemand wei?, wo. Er hat uns verlassen.“
Akira sank zu Boden und brach weinend zusammen.
Drei Tage vergingen.
Drei Schritte durch die H?lle.
Jonathan schlief kaum.
Chen suchte überall.
Kathie sprach mit jedem, der irgendetwas gesehen haben k?nnte.
Und Akira verlie? sein Zimmer kaum noch, gefangen in Schuld.
Dann – sp?t am Abend – klingelte Jonathans Handy.
Jonathan sprang auf und riss es ans Ohr.
?Jayden!? JAYDEN!?“
Stille.
Dann:
?Jon…“
Diese eine Silbe reichte.
Jonathan brach in Tr?nen aus.
?Jayden! Wo bist du!? Geht es dir gut?!“
?Ich bin… bei meinen Eltern.“
Seine Stimme war brüchig.
?Es tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin… ich… ich konnte nicht mehr.“
?Du hast uns halb umgebracht vor Angst!“
Jonathan wischte sich die Tr?nen aus dem Gesicht.
?Ich wei?… genau darum musste ich weg. Ich brauche Zeit. Abstand. Von allem.“
Chen stand neben ihm. Seine Augen waren rot.
?Kann ich… mit ihm sprechen?“
Jonathan reichte ihm das Handy.
Chen brachte kaum ein Wort heraus.
?Jayden…?“
Ein leises Atmen.
?Chen… es tut mir so leid… bitte… sei nicht wütend…“
Chen schloss die Augen.
Seine Stimme war gebrochen.
?Ich bin nicht wütend. Ich hatte nur Angst. Gro?e Angst.“
Er schluckte.
?Komm zurück, wenn du soweit bist. Egal wann.“
?Ich warte.“
Ein leises:
?Danke…“
Dann brach die Verbindung ab.
Niemand sprach.
Jonathan wischte sich die Tr?nen aus dem Gesicht.
Chen starrte das Handy an, als h?tte es gerade sein Herz herausgerissen.
Kathie lehnte sich gegen die Wand und senkte den Kopf.
Und Akira…
…h?rte alles vom Flur aus.
Er sank langsam zu Boden.
Leise.
Zerbrochen.
Wie jemand, der erkennt, dass er einen Schaden angerichtet hat, den er nie wieder vollst?ndig gutmachen kann.
Jayden war sicher.
Er lebte.
Er atmete.
Aber er war fort.
Und niemand wusste, wann –
oder ob – er zurückkommen würde.
Lasst bitte einen Kommentar da und sagt mir wie euch Jaydens weg bis hierher gefallen hat??

