Aelthyria spürte den Moment, in dem ihre Verbindung sich von ihm l?ste. Nicht vollst?ndig – niemals vollst?ndig – aber weit genug, um ihn allein zu lassen. Bewusst.Die Türen hinter ihr schlossen sich lautlos. Das Schloss reagierte auf ihren Willen, nicht auf Berührung. Die Hallen von Limbus ?ffneten sich ihr wie Gedankenr?ume – alt, wachsam, geformt von unz?hligen Zyklen stiller Herrschaft.
Limbus war kein Planet im klassischen Sinne. Er war ein Knotenpunkt.
Ein Ort, an dem Gegens?tze nicht aufgel?st, sondern konserviert wurden. Krieg und Frieden. Freiheit und Knechtschaft. Glaube und Zweifel. Die Dreizehn hatten ihn nicht erschaffen – sie hatten ihn beansprucht, geformt, gez?hmt wie ein wildes Tier.
Jede Hexe herrschte hier. Keine allein.
Dreizehn Blutlinien. Sieben Ursprünge. Dreizehn Rassen, deren Existenz nicht zuf?llig war.
Sterbliche, D?monen, Elfen, Konstrukte aus Gedanke und Materie – Ableger hexischer Entscheidungen. Werkzeuge. Erben. Kollateralsch?den. Und doch: notwendig.
Aelthyria schritt durch eine Galerie aus schwarzem Stein und lebendigem Licht. Alte Siegel glommen in den W?nden – Erinnerungen an Kriege, die niemand mehr aussprach. Hier hatte Macht immer ihren Preis gehabt.
Und er war immer bezahlt worden.
Und nun du, dachte sie.
Die Runen ihres Kindes tauchten vor ihrem inneren Blick auf, klarer als jedes Schriftzeichen an den W?nden. Die ?u?eren verstand sie: Ordnungssiegel, Bindungen an Realit?t, Runen der Stabilisierung, Kausalit?t, Begrenzung. Sie hatte sie selbst gelegt – nicht mit Hand oder Stimme, sondern mit Entscheidung. Sie sorgten dafür, dass seine Existenz nicht unter der Last dessen zerbrach, was er trug. Doch darunter …Darunter lagen Linien, die nicht von ihr stammten. Keine fremde Hand. Kein Eingriff. Etwas ?lteres. Tieferes. Eine Resonanz, die nicht dr?ngte, sondern wartete. Runen, die keine Schrift kannten, sondern Bedeutung waren.
Schatten.
Nicht als Gegensatz zur Sch?pfung. Sondern als Echo.
Aelthyria blieb stehen. Und in diesem Moment blitzte etwas auf, das sich nur selten zeigte: Erinnerung – die Notwendigkeit von Limbus, wie sie einst war.
Die Hallen hatten es gesehen – Erwachsene, die zerbrachen, bevor sie je erwachten. Ihre Schreie hallten in den W?nden, die Seelen verwehten, zerfielen, wurden vergessen. Nur die Jungen hatten eine Chance, geformt zu werden, empf?nglich für das, was kommen sollte.
Früher hatte man versucht, die Rituale zwischen seelischer Entrückung und mentaler Transzendenz an Erwachsenen durchzuführen. Fast alle starben. Die überlebenden zerbrachen mental innerhalb von Monaten. Die Fehlversuche hatten die Hallen von Limbus gefüllt mit toten Blicken, mit Seelen, die weder Ruhe noch Kraft fanden. Glücklicherweise war ihr Scheitern kein Verlust. Dem ewigen Kreislauf, ihre kleinlichen Existenzen zu opfern, war schlussendlich ihr Schicksal. Und im wahrscheinlichen Fall eines verfrühten Ablebens wurden ihre Seelen in den Kreislauf zurückgeführt. Vielleicht würde ihre Transzendenz beim n?chsten Versuch gelingen. Bis dahin war ihre Existenz nichts weiter als ein ewiges Pendeln zwischen Leben und Tod.
This content has been unlawfully taken from Royal Road; report any instances of this story if found elsewhere.
Aus der Not heraus wurden die Opfer jünger – Jugendliche, dann Kinder –, formbarer, empf?nglicher für Manipulation. Wer einmal erwacht war, wer seine erste Seele verschlungen hatte, konnte nie zurück. Jedes Volk hatte eigene Praktiken, und manche experimentierten noch heute. Selbst ?onen sp?ter war die Sterblichkeitsrate hoch. Die meisten zerbrachen an der ersten Seele. Doch in Aethyraels Fall war es nicht nur eine einzelne Seele gewesen. Die Seelen des Sterns waren der Preis seiner Existenz gewesen. Und er hatte es über sich ergehen lassen – ohne einen einzigen Schrei – im Herzen der Dunkelheit, die an diesem Tag über Elendiel gekommen war.
Für Aelthyria waren diese Seelen kein Individuum. Sie waren Durchsatz, Rohstoff, Herdenvieh. Alles, was z?hlte, war Ordnung. Alles, was z?hlte, war überleben des Systems. Und das System verlangte Notwendigkeit. Konsequenz. Nur so würden die Dreizehn überdauern. Und sollten Seelen einmal knapp werden, war es an der Zeit, anderen Sternen ihre Gnade zuteilwerden zu lassen. Bis dahin jedoch galt: sich am Kreislauf zu n?hren und die Ordnung in Dekadenz und Genuss zu wahren.
Früher musste sie diesen Prozess erzwingen. Rituale. Selektion. Opfer. Jetzt nicht mehr.
Der kleine Stern machte es obsolet.
Er war die Weiterentwicklung und alles andere war nur Verbrauchsmaterial.
Und so schlenderte sie in Gedanken versunken durch die Schatten ihres Schlosses. Die kosmischen Augen ihres Kindes waren kein Werkzeug. Sie waren Verpflichtung und die notwendige Konsequenz. Augen dieser Art sahen nicht nur – sie banden. Sie ver?nderten nicht Raum oder Zeit, sondern Bedeutung. Wer ihnen begegnete, wurde Teil einer Gleichung, die nicht rückg?ngig zu machen war.
Und genau das war gef?hrlich.
Nicht, weil er sie missbrauchen würde. Sondern weil er eines Tages verstehen k?nnte. Seit dem Tag seiner Sch?pfung waren sie verbunden. Sie wusste: Sieben volle Zyklen würde es dauern, bis die wahre Kraft seiner Augen vollst?ndig entfaltet war. Jeder Zyklus ein Fortschritt, jede Stufe ein Schritt in die Unausweichlichkeit seines Schicksals. Mit jedem Zyklus, mit jeder Entwicklung seiner Runen, l?ste sich das Siegel, das seine Augen bis dahin gebunden hatte. Das Siegel – eine kosmische Kette – hielt die gesamte Augenkraft unter Kontrolle, regulierte, was er sehen und wirken konnte. Es war notwendig. Ohne es h?tte seine Existenz das Gleichgewicht zerrissen. Zu früh.
Unkontrolliert. Und ebenso unausweichlich: Mit jeder Entfaltung verlor er mehr von dem, was an seine alte Seele gebunden war – Erinnerung, Bindung, der letzte Rest seiner Menschlichkeit. Das war Absicht. Plan. Gesetz.
Aelthyria würde nichts dem Zufall überlassen. Nicht bei ihm. Nicht bei der Bindung, die sie über ?onen für sich beansprucht hatte – und beanspruchen würde. Sie setzte ihren Weg fort, tiefer ins Schloss, vorbei an Versammlungsr?umen, die bald wieder Stimmen tragen würden. Die anderen Hexen würden kommen, Fragen stellen, fordern, Neid unter Weisheit verbergen. Sie würden glauben, Macht sei alles. Wie immer. Ihr Kind war kein Herrscher. Und kein Werkzeug. Er war ein Punkt der M?glichkeit.
Und M?glichkeit war das Einzige, das selbst die Unendlichkeit ver?ndern konnte.
Hinter ihr spürte sie das leise Aufflackern seiner Neugier. Kein Ausbruch. Kein Fehler. Nur Bewusstsein.
Gut.
Sie lie? ihn unbeaufsichtigt – weil Kontrolle nicht N?he bedeutete. Und weil jeder Schritt, den er ohne sie tat, mehr wert war als tausend Befehle.
Aelthyria l?chelte. Werde, dachte sie. Aber vergiss nie, wessen Blut dich tr?gt.
Und irgendwo im Herzen von Limbus antworteten die Runen. Die Schatten der Vergangenheit flüsterten leise – die überreste unz?hliger Versuche, Zerbrochenen, Fehlgeschlagenen –, doch der Stern war unberührt, ein neuer Punkt der Ordnung in einem System, das ewig bestand.

