Aethyrael stand reglos immer noch an Ort und Stelle. Die Stille, die sich w?hrend des kleinen Vorfalls wie ein drohendes Unheil in der Halle ausgebreitet hatte, war erdrückend. Keine Menschenseele regte sich, sofern sie noch am Leben war und auf beiden Beinen stehen konnte. Aus dem vermeintlichen Schutz der Schatten heraus konnte er die vor Schmerz erfüllten Gesichter der Magier und Soldaten deutlich sehen. Blutverschmierte Gestalten, denen die Angst anzusehen war.
Eine ur- animalische Angst vor dem Unvermeidlichen.
Den Ausdruck in ihren Augen konnte Aethyrael kaum deuten. Es war eine Mischung aus Leid und Furcht. Leid durch den Schmerz, der ihnen als Gnade verkauft worden war, und Furcht vor dem, was ihnen noch bevorstehen würde. Unglücklicherweise waren die Schatten weniger sicher, als er angenommen hatte. Silvaras wache Augen suchten nach dem Urheber des Tumults. Der Zorn und die Missbilligung der Sterblichen standen ihr ins Gesicht geschrieben.
?Wehe, einer von euch niederen Sterblichen rührt sich“, zischte Silvara, w?hrend sie mit Arroganz und Genugtuung auf die Toten und Verletzten herabblickte.
Mit einem sadistischen L?cheln auf den zuckersü?en Lippen richtete sich Silvaras Aufmerksamkeit auf die hinteren Reihen der Anwesenden, die noch halbwegs stehen konnten. Aethyrael konnte selbst aus den Schatten spüren, dass die Ereignisse eine unerwartete Wendung genommen hatten.
Verdammt, dachte er sich. Das war’s dann wohl für heute. Sehr schade, aber sehr aufschlussreich. Dann werde ich mich mal verabschieden.
Doch so weit sollte es nicht kommen.
Gerade als er dabei war, sich aufzurichten und aus dem Schutz der Schatten herauszutreten, sah er Thalyra wieder auf der Plattform stehen. Ihr Gesichtsausdruck hatte weniger etwas von Zorn, sondern vielmehr von jemandem, der gerade den Entschluss gefasst hatte, Leben zu nehmen. Vielleicht lag auch ein Hauch von Freude darin, er konnte es nicht genau sagen.
?Ich hatte schon die Befürchtung, ihr armseeligen Kreaturen habt selbst simpelster Magie nicht das Geringste entgegenzusetzen“, gab Thalyra zum Besten.
Sie lie? die Flammen um sich herum wild tanzen, w?hrend sie wieder ihren Platz neben Silvara einnahm.
?M?ge sich das magische Genie in euren niederen Reihen zu erkennen geben“, spottete sie weiter von oben herab, w?hrend sie ihre Brust herausstreckte und die H?nde an die Hüften stemmte. Ein Funkeln lag in ihren Augen.
Stille.
Nicht, dass er in diesem Moment etwas anderes erwartet h?tte.
Doch.
Niemand rührte sich. Niemand sprach ein Wort.
Die Augen des sterblichen Aufgebots waren starr Richtung Boden gerichtet, so als k?nnten sie der Situation entfliehen. Jeder Blickkontakt mit den beiden Hexen wurde peinlich genau vermieden.
Die Gesichtsausdrücke der noch Lebenden konnte man mit nur einem Wort beschreiben: Panik.
Aethyrael blieb reglos, seine Augen funkelten im Zwielicht der brennenden Runen. Jeder Atemzug der Hexen, jede Bewegung der Flammen wurde in seinem Kopf katalogisiert. Er versuchte, die Kraft zu analysieren, zu verstehen. Doch ohne Anleitung?
Zu gerne würde ich verstehen, woher die Kraft der beiden kommt, die ich spüren kann, dachte er mit einem schiefen Grinsen im Gesicht, das ihm jedoch sofort wieder verging.
Thalyra lie? erneut Feuerb?lle los, diesmal gezielt auf die hinteren Reihen, wo die überlebenden sich noch taumelnd aufrappelten. K?rper flogen durch die Luft, und jene, die bereits tot waren oder am Boden lagen und sich nicht bewegen konnten, wurden zerfetzt.
?Unglaublich…“, murmelte Aethyrael mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. ?Sie messen überleben mit Schmerz.“
Er trat einen halben Schritt nach vorn, die Schatten noch immer als Schutz nutzend. Die Rune der Gravitation auf seiner Haut pulsierte, bereit.
Silvara hob die Hand, schwarze Flammen wanden sich wie lebendige Schatten um ihren Arm. ?Noch immer keiner manns genug?“, fragte sie, ihre Stimme wie Stahl auf Eis.
Keiner antwortete.
Aethyrael schmunzelte leise. ?Zu still… zu brav. Vielleicht ein bisschen zu berechenbar.“
Er lie? seine Finger über die Rune gleiten. Ein sanfter Druck, kaum wahrnehmbar, aber genug, um die Kraft in der Luft zu beeinflussen. Eine winzige Ver?nderung. Ein Funke Unsicherheit. Er wusste nicht genau, was er da tat, aber er hatte gelernt, sich auf sein Gefühl einzulassen. Und sein Gefühl sagte ihm klar, dass er die Verbindung zu der Kraft, die er wahrnahm, sicher aber nicht erkl?ren konnte, durch seine Runen verstehen konnte. Vielleicht sogar beeinflussen? Natürlich war dieser Gedanke nichts weiter als reine Theorie. Doch diese sollte sich noch im selben Moment bewahrheiten.
Thalyra kniff die Augen zusammen. ?Ihr niederer Abschaum sterblicher Brut wagt es also ernsthaft, mit uns Hexen ein Spielchen spielen zu wollen?“, brummte sie, die Flammen zuckten gef?hrlich. Seine Rune hatte scheinbar dafür gesorgt, dass sie für den Bruchteil eines Augenblicks ihr Gleichgewicht verlor. Aethyrael konnte sie aus den Schatten kurz straucheln sehen.
Interessant, dachte er sich. Und das war nicht mal viel Kraft. Was man damit wohl noch alles machen kann? Eine wichtige Frage, die beantwortet werden wollte. Doch leider hatte er keine Zeit, sich in seiner eigenen Genialit?t zu sonnen. Silvara hatte scheinbar genug. Und keine Geduld mehr.
Keiner regte sich.
Niemand meldete sich.
Die Stille war greifbar, fast k?rperlich. Aethyrael bemerkte, wie sich die K?pfe der überlebenden erneut leicht neigten, als ob sie die Schuld abstreifen wollten. Doch jemand musste es gewesen sein. Jemand musste den Mut haben, den Helden zu spielen – der erste Narr, der die Verantwortung für den kleinen Aufstand der Sterblichen auf sich nehmen würde.
?Oh, kommt schon“, flüsterte Aethyrael, ein Hauch von Spott in der Stimme. ?Keiner will? Wirklich niemand?“
Thalyra funkelte kurz, die Flammen an ihren H?nden zuckten, als spürte sie den Fluss seiner Gedanken. ?Euer Schweigen ist… entt?uschend“, murmelte sie. ?Wo ist der Stolz eurer niederen Rasse? Wo ist die Ehre? Wie wollt ihr jemals würdig sein, der ehrwürdigen Sch?pferin zu dienen?“
Doch kein Aufschrei kam.
Aethyrael verschr?nkte die Arme und lie? seine Augen über die ersch?pften Gestalten wandern. Jeder von ihnen wünschte sich im Stillen zu verschwinden, doch die Hexen gaben ihnen keine Wahl.
Er spürte ein leichtes Pulsieren unter der Haut, die Gravitationsrune reagierte erneut. Eine winzige Bewegung der Luft, ein Flackern der Flammen – genug, um Thalyra kurz zu irritieren.
?So“, flüsterte Aethyrael, das spitze L?cheln kehrte zurück. ?Wenn ihr schon keinen Helden habt, dann werde ich mal ein wenig… helfen.“
Ohne dass die Hexen es wirklich bemerkten, verschob sich ein kleiner Stein am Boden, eine Rune funkelte schwach auf. Ein leichter Zug, kaum messbar, aber Aethyrael konnte es spüren: ein erster, winziger Einfluss auf die Kontrolle der Hexen.
Die Antwort lie? nicht lange auf sich warten.
Ein Knistern in der Luft.
Ein kurzes violettes Aufblitzen.
Dann ein schmerzerfüllter Schrei.
Silvara hatte einen schwarzen Blitz aus purer Energie in die hinteren Reihen der Magier und Waffentr?ger geschleudert. Der getroffene Ordnungstr?ger wurde durch die Kraft der Energie durch die Halle geschleudert.
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Nicht unkontrolliert. Grausam pr?zise.
Der leblose und in schwarze Flammen gehüllte K?rper des Soldaten krachte mit einem dumpfen Knall über Aethyrael hinweg in die kunstvoll verzierte Decke.
Blutspritzer rieselten auf ihn herab wie feiner Regen.
Tropfen für Tropfen.
Er hatte keine Chance auszuweichen, ohne sein Versteck preiszugeben. Und so verharrte er weiter reglos im Schatten. Da, wo vorher noch ein wundersch?nes Deckengem?lde gewesen war, blieb jetzt nur ein roter Fleck Blut zurück.
Wirklich schade um das wundersch?ne Bild und den Sterblichen, dachte er sich mit ratloser Miene, w?hrend er nach oben sah. Ich frage mich, was das Bild an der Decke dafür kann?
Der anf?ngliche Sarkasmus als rettende Hand war nicht von langer Dauer.
Der leblose K?rper fiel herab.
Auf ihn…
Ein dumpfes Ger?usch.
Dann der Aufprall.
Aethyrael konnte sich gerade noch durch die Rune unter seinem rechten Auge retten. Ein kurzes, kr?ftiges Pulsieren ging von ihr aus. Als wollte sie best?tigen.
Der leblose K?rper fiel und traf nicht ihn. Er traf auf die Gravitation, die sich seit dem ersten Feuerball wie eine Hülle um ihn gelegt hatte. Der K?rper prallte jedoch nicht nur ab. Er wurde geschleudert. In genau die Richtung der Plattform, auf der die beiden Hexen standen.
Der sterbliche Haufen Fleisch flog - und kam mit einem schmatzenden Ger?usch verdreht als das zum Erliegen, was von ihm übrig war.
Stille.
Erneut.
Aethyrael musste sich ein Lachen verkneifen, obgleich die gesamte Situation weder lustig noch appetitlich war. Er kauerte an einem Ort im Schatten, wo er nicht sein durfte. Und obendrein war er von oben bis unten mit dem Blut des Waffentr?gers beschmiert, das immer noch von der Decke tropfte.
?Einfach klasse“, murmelte er.
?So wie ich aussehe, kann ich mich wohl nicht mehr rausreden, wenn mich Mutter so sieht…“
Er blickte an sich herab, und Ekel stand ihm ins junge, noch unschuldige Gesicht geschrieben. Aethyrael bereute nichts. Und doch hatte er sich seine erste Erkundung des Schlosses weniger… blutverschmiert vorgestellt. Die Erfahrung war es ihm allemal wert. Und die Konsequenz, die ihn erwarten würde? Er war bereit, den Preis zu zahlen.
Ein L?cheln stahl sich über seine Lippen. Egal, wie es noch laufen würde. Aelthyria würde ihn bezahlen lassen.
Für seinen Leichtsinn.
Für den Ungehorsam.
Thalyra blinzelte, ihre Augen verengten sich. ?Hm… interessant“, sagte sie. ?Es ist jemand hier. Jemand… nicht sterblichen Blutes, nicht v?llig unbeteiligt. Aber auch nicht Teil der Prüfung…“
Silvara starrte auf den K?rper, der wie ein rotes Banner vor ihnen lag. Ihre schwarzen Flammen züngelten kurz nerv?s, als k?nnte sie die Luft prüfen, aber die Hexe selbst blieb aufrecht, die Fü?e fest auf der Plattform.
?Also… da ist jemand, der nicht nur zuschaut“, murmelte Silvara, ein Hauch von Neugier in ihrer Stimme. ?Jemand, der denkt… er k?nne spielen.“
Aethyrael verharrte reglos. Das Blut tropfte noch immer von der Decke. Warm. Z?h. Sein eigenes war es nicht.
Noch nicht.
Die Stimmung in der Halle kippte endgültig. Angst wich nicht Hoffnung – sie wich Erwartung. Erwartung von Schmerz, auf dem die Ordnung folgen würde.
Und dann… erhob sich eine Stimme.
?Verehrte Gesandte der Sch?pferin“, stotterte der Magier, der sich aus der Masse l?ste. Schlaksig, die Kapuze schief, die H?nde zitternd. Blut tropfte von seinem Kinn auf den Steinboden. ?Ich… ich versichere euch, wir hatten keine Kenntnis von—“
Aethyrael schloss für einen Moment die Augen.
Naivit?t, dachte er und musste dabei grinsen. Oder Verzweiflung. Oft ist es dasselbe. Vielleicht sogar Ignoranz?
Silvaras Hand zuckte.
?Schweig“, sagte sie. Kein Zorn. Kein Geschrei. Nur ein kalter Befehl.
Der Magier erstarrte.
Silvara lie? den Blick über die überlebenden gleiten, langsam, abw?gend, wie eine Klinge über Fleisch. ?Es grenzt an eine Sünde, nach solch einer Darbietung das Wort an uns zu richten, niedere Kreatur.“
Ein Klingentr?ger in der ersten Reihe – jung, kaum ein Bartflaum – trat unbewusst einen halben Schritt vor. Vielleicht wollte er etwas sagen. Vielleicht wollte er fliehen.
Silvaras Augen fanden ihn.
Der schwarze Blitz kam ohne Vorwarnung.
Er war lautlos. Keine Explosion. Kein Knall. Nur ein kurzes, grausames Aufleuchten – und der Kopf des Soldaten l?ste sich vom K?rper, als w?re er nie wirklich befestigt gewesen. Er fiel rollend über den Boden, die Augen noch offen, der Mund in einem lautlosen Schrei erstarrt.
Der K?rper sackte zusammen.
Aethyrael verzog keine Miene.
Thalyra l?chelte.
Sie drehte sich elegant auf der Plattform, hob eine Hand – und zeigte auf einen Magier in den hinteren Reihen, der bereits auf den Knien lag.
?Und du“, sagte sie fast sanft.
Die Flammen um ihre Finger vergr??erten sich.
Der Mann schrie nicht lange. Feuer kroch nicht über ihn. Es nahm ihn auseinander. Haut spannte sich, riss, verschwand. Der Geruch von verbranntem Fleisch füllte die Halle, dick und sü?lich. Der Magier fiel nach vorn, noch brennend, zuckend, bis nichts mehr zuckte.
Zwei Leichen.
Zwei Beweise.
Und eine Aussage: Die Ordnung wird hier und jetzt wiederhergestellt. Und ihr wurdet für nicht würdig befunden.
Silvara wandte sich wieder dem schlaksigen Magier zu. ?Nun“, sagte sie ruhig. ?Du wolltest etwas beweisen.“
Thalyra trat einen Schritt n?her an den Rand der Plattform. ?Dein st?rkster Zauber“, fügte sie hinzu. ?Dorthin.“
Sie zeigte – direkt in den Schatten. Direkt auf Aethyrael. Er hob eine Augenbraue und konnte es kaum glauben. Hatten sie ihn also doch bereits bemerkt? Oder war es nur Zufall?
Ah. Also so.
Der Magier schluckte. Drehte sich. Seine H?nde begannen zu zittern, dann zu zeichnen. Worte flossen aus seinem Mund, alt, schwerf?llig, überladen mit Angst. Die Luft kühlte sich spürbar ab. Eine Kugel formte sich zwischen seinen H?nden. Eis. Klar. Rein. Perfekt.
Thalyra lachte leise. ?Oh, sieh an“, spottete sie. ?Er kann also kleine Kunststücke.“
Silvara schnaubte. ?Sicher sehr beliebt bei Kindern.“
Die Kugel wuchs. Rissige K?lte kroch über den Boden. Der Zauber n?herte sich seinem H?hepunkt.
Aethyrael seufzte. ?Ich mag sie“, sagte er leise aus dem Schatten heraus. ?Eiskugeln.“
Der Magier fuhr herum.
?Als Kind“, fuhr Aethyrael fort, ?finde ich sie besonders faszinierend. Aber du solltest… woanders hinzielen.“
Er trat aus den Schatten.
Blutüberstr?mt. Runen glühend unter seinen Augen und gehüllt in Gew?nder mit Verzierungen und Farben bestickt, die nur Eine trug. Die Halle erstarrte.
Silvaras Atem stockte h?rbar. ?…bei der Sch?pferin.“
Thalyra wich einen halben Schritt zurück. ?Der Kleine…? Hier? Verletzt? Waren wir das?!“
Der Magier sah nur ein Kind. Ein dreckiges, blutiges Kind mit verklebten Haaren, das aus den Schatten trat.
Er lachte. Hysterisch. Befreit.
?Ein… Kind?“ Er schüttelte den Kopf. ?Tja. Tut mir leid, Junge.“
Die Kugel aus konzentrierter Energie l?ste sich. Zu sp?t.
Die Hexen schrien gleichzeitig. ?NEIN—!“
Der Einschlag kam. Gravitation schrie auf. Runen brannten. Der Boden barst. Ein violett-schwarzer Schimmer pulsierte dort, wo Aethyrael gestanden hatte. Er selbst konnte die Kraft spüren, die sich wie ein schützender Mantel um ihn gelegt hatte. Die Kraft als ein natürlicher Teil seines K?rpers, seines Wesens. Etwas, das tief im Bewusstsein und der Geschichte seiner Runen verankert war. Und langsam begann er zu verstehen, zu lauschen, welche Geschichte seine Runen ihm erz?hlen wollten. Heute, so wusste er, war es eine Geschichte von Blut und Ordnung, die ihren Anfang zwischen Gnade und Leid genommen hatte. Und das war nur ein Abschluss von vielen.
Staub. Eis. Stille.
Silvara und Thalyra sprinteten los.
?Aethyrael!“ ?Nein—nein—nein…!“
Doch als sich der Staub legte, stand er noch immer da. Unversehrt. Die Eiskugel schwebte. Still. Wartend. Gefangen in seinem Einfluss, gebunden durch die Macht der Gravitation. Als er die Kugel aus Eis auf sich zufliegen sah, reagierte sein K?rper wie beim letzten Mal wie von selbst. Eine automatische Bewegung des Oberk?rpers, um den Aufprall abzufedern, das intuitive Durchfluten seiner Rune unter dem Auge. Er musste nicht darüber nachdenken. Er lie? es geschehen. Das war ihm von da an klar.
Aethyrael richtete sich auf. Blickte zum Magier.
Der Mann grinste noch immer. ?Und? Noch am Leben, Kind?“
Aethyrael sah ihn an. Mit Bedauern. Er hatte sich geirrt. Sie wollten kein Leid überwinden. Sie wollten es sein.
Silvara und Thalyra traten in sein Blickfeld. Panik in ihren Augen.
Aethyrael sah noch einmal zum Magier. Fing seinen Blick auf. Der Mann erstarrte, als er die Runen sah. Als er verstand.
?Das“, sagte Aethyrael ruhig, ?war ein Fehler.“
Er l?chelte gütig. Ein L?cheln, das der Sch?pferin selbst aus dem Gesicht geschnitten zu sein schien. Eine ?hnlichkeit ihrer Wesenszüge, die fast schon be?ngstigend wirkte.
?Von uns beiden.“
Er hob die Hand.
?Ich muss dir meinen Dank aussprechen, Niederer. Du hast mich etwas Wichtiges gelehrt. Ich gew?hre dir Gnade, auch wenn du Blut gew?hlt hast. Ist das nicht die Ordnung, nach der du dich so sehr verzehrst?“
Er hob den Kopf, um dem Magier noch einen letzten wissenden Blick zuzuwerfen. ?Dann soll es so sein.“
Aethyrael nickte, wie zur Selbstbest?tigung für eine Entscheidung, die bereits gefallen war. Für einen Herzschlag lang fragte er sich, wann genau diese Entscheidung gefallen war. Nicht ob – sondern wann. Es war keine Wut gewesen. Kein Zorn. Nicht einmal Genugtuung. Nur Klarheit. Und Gedanken, die sich wie von selbst ihren Weg in den Zustand des gesprochenen Wortes erzwungen hatten. Und das beunruhigte ihn mehr als das Blut an seinen H?nden. Eine Ironie des Schicksals, dass er die M?glichkeit, sie weiterhin in Unschuld zu waschen, ohne Reue ziehen lie?. Dass er gerechnet hatte. Abgewogen. Und gehandelt – ohne zu z?gern. Sein anf?nglich kindlich-naives Bedauern musste sich der Notwendigkeit fügen. Der Notwendigkeit zu erkennen, dass auf Blut nur Ordnung folgen konnte. Und dass Bedauern und Z?gern dort keinen Platz hatten.
Wie bedauerlich, dachte er – und sein L?cheln verschwand.
Die Kugel aus konzentrierter, eiskalter Energie kehrte zurück zu ihrem Herrn. Sein von Schmerz und Pein erfülltes Gesicht lie? keine Zweifel. Er hatte Angst vor dem Wesen, das aus den Schatten gesprochen hatte. Doch es war zu sp?t. Es gab nicht einmal ein Ger?usch. Ein Ende so unscheinbar wie das Kind selbst.
Der Kopf des Magiers verschwand darin und flog davon.
Der letzte Ausdruck in seinen Augen: Ungl?ubigkeit und Bedauern. Das war sein Fehler gewesen.
Aethyrael bemerkte, dass seine Hand nicht zitterte. Das h?tte sie tun sollen. Ein Teil von ihm registrierte diese Abwesenheit von Zweifel – und fragte sich, ob dies ebenfalls eine Lektion gewesen war. Oder ob diese Abwesenheit, seit dem Tag, an dem er sich an nichts erinnern konnte au?er an die Stimme seiner Sch?pferin, immer schon da gewesen war. Was blieb, war Stille und Gewissheit. Sowie der K?rper eines Magiers, dem ein Kopf fehlte.
Ein Kind. Zwei Hexen in Panik. Und der kl?gliche Rest der Sterblichen, die begriffen, dass sie heute nicht versagt hatten. Sie hatten nie eine Chance zu bestehen.
Ihre Herzen unrein. Ihre Seelen schwach.

