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96. Emmanline

  Das würde Emmanline wohl herausfinden müssen, denn eine starke Macht strahlte aus dem Rubin heraus. Noch immer h?rte Emmanline hin und wieder Stimmen, flüsternd, fordernd, und sie vermutete zunehmend, dass sie aus diesem blutroten Stein selbst stammten. Doch wie sollte sie der Wahrheit n?herkommen? Vielleicht musste sie eine Verbindung zu ihm herstellen… ihn nicht nur berühren, sondern ihn wirklich spüren, um zu verstehen, was er von ihr wollte.

  Mit ruhigem Atem versuchte Emmanline, sich zu konzentrieren und in sich einen inneren Punkt der Stille zu finden. Sie schloss ihre silbernen Augen, hielt den Rubin fest in ihrer Hand und sandte all ihre Energie und Aufmerksamkeit in ihn hinein. Als sie noch einmal tief Luft holte, versetzte es sie in einen eigenartig gepolten Zustand. Unglaublich viel Kraft floss pl?tzlich in ihren K?rper zurück... eine Macht, die sie h?tte niederstrecken müssen, doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil… sie hielt ihm stand. Der einzige Grund, warum eine derart gewaltige Macht in diesem Rubin steckte, mussten die Unz?hligen von Seelen sein, die in ihm gefangen waren. Kein Wunder also, dass er ein solches Ausma? an Energie ausstrahlte. Unglaublich. Dieser Rubin war die reinste Macht… roh und ungez?hmt, und seine St?rke lie? ihre Gedanken f?rmlich überschlagen.

  Immer weiter vertiefte Emmanline sich in das, was sie tat… blendete ihr gesamtes Umfeld aus, bis etwas nach ihr rief. Als sie innerlich die Augen ?ffnete, fand sie sich erneut in diesem Flammenmeer wieder, das sie bereits aus ihrem Traum kannte. Eigentlich h?tte Panik sie überkommen müssen, doch diesmal war alles anders. Es fühlte sich an, als würde sie mit offenen Armen empfangen werden. Der riesige, monstr?se Baum erhob sich wieder vor ihr. Noch immer stand er inmitten der Flammen, doch wirkte er nun weniger bedrohlich, vielmehr gebieterisch … fast ehrwürdig. Also war der Rubin der Grund für diesen Traum gewesen, der Grund, warum sie keine Ruhe fand. Er hatte nach ihr gerufen, und dieser Ruf ging von dem Baum aus, das spürte Emmanline klar und deutlich.

  Doch was verlangte er von ihr?

  Um herauszufinden, was dieser m?chtige Baum, der so viel Leben in sich trug, von ihr wollte, musste Emmanline sich wohl auf ihn einlassen, und sie war bereit, es zu versuchen. Ein Teil in ihr dr?ngte sie sogar dazu, w?hrend sich eine nerv?se Aufregung in ihr ausbreitete.

  Doch noch bevor Emmanline handeln konnte, riss eine erneute Kraft sie brutal zurück. Erschrocken kehrte sie keuchend in ihr Bewusstsein zurück, rang nach Atem und blickte mit weit aufgerissenen Augen in ein Gesicht, das sie nur allzu gut kannte… Lucien.

  Was tat er hier?

  ?Bist du verrückt geworden?“, fuhr Lucien sie beinahe an, seine Stimme hart und voller Panik, w?hrend er seine H?nde kraftvoll auf ihre Schultern gelegt hatte. Sein m?chtiger, breitschultriger K?rper war nach vorne gebeugt, ein Knie auf dem Bett abgestützt. Seine goldenen, lodernden Augen flackerten wild, sein schwarzes, schulterlanges Haar leicht zerzaust… seine Brust heftig bebend.

  ?Ist… ist etwas passiert?“, fragte Emmanline verwirrt, sah sich um, w?hrend ihr Herz viel zu schnell in ihrer Brust schlug und sie noch immer nicht ganz begriff, was gerade geschehen war.

  Lucien knurrte leise und blickte finster drein. ?Hast du dich vielleicht mal angesehen?“

  Verwirrt folgte Emmanline seinem Blick und schaute an sich hinab. Im n?chsten Moment erstarrte sie. Nein… das konnte doch nicht sein. Nicht schockiert, eher verblüfft betrachtete sie sich selbst, denn der Anblick war ebenso verst?rend wie faszinierend. Noch immer lag der blutrote Rubin fest in ihren H?nden, und er glühte nun deutlich, jedoch ohne jede Hitze. Von ihren Fingern aus zogen sich feine, brandmalartige Zeichnungen über ihre Handfl?chen, weiter die Unterarme hinauf, als h?tte sich glühende Magie in ihre Haut eingebrannt. Und doch verspürte Emmanline keinerlei Schmerz. W?hrend sie hinsah, begannen die Male bereits zu verblassen, als h?tten sie nie existiert. ?Das… das ist wirklich… interessant“, murmelte sie gebannt.

  Lucien gefiel das ganz und gar nicht. ?Interessant?“, keuchte er entsetzt und fassungslos auf. Mit einer ruckartigen Bewegung umfasste er ihre H?nde, hob sie an, bis sie sich auf Augenh?he gegenüberstanden… zumindest auf ihrer Augenh?he. ?Und wie nennst du das?“, knurrte er erneut wutentbrannt, als gefiele ihm ihre Sorglosigkeit nicht.

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  Jetzt reichte es und Emmanline verzog ihr Gesicht zu einer erzürnten Maske. ?Knurr mich nicht an.“

  ?Ich kann dich so viel anknurren, wie ich will, wenn es um dein Wohlergehen geht“, fauchte Lucien zurück, als h?tte er jedes Recht dazu.

  ?Mir geht es gut“, konterte sie scharf und nicht verstehend, was das auf einmal sollte.

  ?Erz?hl mir nichts, w?hrend ich sehe, wie Brandmale deine Arme zieren“, zischte Lucien mit fest zusammengepressten Z?hnen. ?Und wage es blo? nicht zu sagen, dass sie wegen deiner… Besonderheit schnell verheilen würden.“ Seine Stimme senkte sich bedrohlich. ?Davon will ich nichts h?ren.“

  Ver?rgert starrte Emmanline ihn an. ?Ich hatte nicht vor, das zu sagen“, entgegnete sie kühl. ?Es tut nicht weh, und ich sehe keinen Grund, mir Sorgen zu machen, wenn mir keine Gefahr droht.“ Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, doch er lie? ihr kaum Spielraum. Merkwürdigerweise hielt sie den Rubin noch immer fest umschlossen, als w?re er ein Teil von ihr. Jetzt verstand sie auch warum. Lucien hatte offenbar versucht, ihn ihr wegzunehmen… und der blutrote Rubin hatte es schlicht nicht zugelassen.

  ?Ich mache mir einfach Sorgen“, sagte Lucien leiser, als müsste er vieles herunterschlucken. Die Bewegungen seines kr?ftigen Halses deuteten auf die Anspannung hin und wie sehnig seine Muskelstr?nge sich abzeichneten.

  ?Was ich sehr zu sch?tzen wei?“, erwiderte Emmanline distanziert und sah ihn ebenso finster an wie er sie zuvor. ?Aber ich versuche gerade herauszufinden, was es mit diesem Rubin auf sich hat, und du hast mich dabei gest?rt“, warf sie ihm vor… mit neuer Kraft riss sie an ihren H?nden. ?Lass mich los… und verschwinde.“ Emmanline presste jetzt die Z?hne fest aufeinander. Wenn sie h?tte knurren k?nnen, h?tte sie es getan… doch Lucien übernahm das für sie.

  ?Was kann ich dafür“, knurrte Lucien, ?wenn ich dich suche, den Raum betrete und dich auf dem Bett finde, w?hrend sich Verbrennungen deinen Arm hinaufziehen?“

  ?Jetzt h?r aber auf. Wie du siehst, sind sie schon wieder alle verschwunden. Warum muss ich dir eigentlich immer wieder erkl?ren, dass es mir gut geht? Warum bist du nur so unglaublich stur?“, protestierte Emmanline im ruhigen Ton weiter, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

  Mit einem Sto? lie? Lucien sie los und richtete sich auf. Emmanline erkannte sofort, wie wütend er war… wie sehr es in ihm arbeitete, doch sie lie? sich nicht darauf ein. ?Du wei?t ganz genau, warum ich so stur bin“, sagte er hart. ?Ich mache mir einfach nur… Sorgen um dich.“

  Da war es wieder. Wie oft hatte er ihr das schon gesagt. ?Ich bin nicht so hilflos und schwach, wie du es vielleicht glaubst oder in mir siehst“, seufzte Emmanline beschwichtigend auf.

  ?Das habe ich auch nie behauptet“, brummte Lucien immer noch unzufrieden über die Tatsache, dass sie nicht nachgab.

  ?Ach nein?“ Ihre Stimme wurde nun sch?rfer. ?Warum bist du dann gerade so wütend, knurrst und schreist mich an, als w?re ich genau das?“

  Lucien zuckte zusammen, blieb stehen, ?ffnete den Mund… und schloss ihn wieder. ?Ich knurre und schreie dich nicht an.“ Selbst dabei klang er mürrisch.

  Emmanline hob langsam eine wei?e Augenbraue. In diesem Moment bemerkten sie beide es. ?Komm her, Lucien.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen, und ohne zu z?gern, nahm er sie. Ihre verschwand in seiner riesigen Pranke. Obwohl sie ihn niemals h?tte zu sich ziehen k?nnen, lie? er es zu und kam zu ihr herunter. Ihre Finger glitten über seine Wange, rau von den Bartstoppeln. ?Ich wei?, dass du viel zu tun hast und kaum Zeit findest, dich auszuruhen“, sagte Emmanline leise. ?Aber du darfst dich nicht st?ndig von deinen Sorgen leiten lassen, mich herumzukommandieren und mir vorzuschreiben, was ich tun und lassen soll. Du willst, dass ich dir helfe und herausfinde, was es mit diesem Rubin auf sich hat, aber… du l?sst mir nicht einmal die Chance dazu. Das muss aufh?ren.“ Sie seufzte, und in ihrem silbernen Blick lag nichts als Wahrheit.

  ?Wenn es doch nur so einfach w?re.“ Lucien schmiegte seine Wange in ihre Handfl?che und schloss seine glühenden Augen genüsslich. ?Ich will dir alles geben, was du brauchst, aber… mein Drache ist verflucht stur, wenn es um dich geht.“ Als er sie wieder ansah, loderten seine Augen… und doch l?chelte er warmherzig.

  Wie h?tte sie diesem L?cheln widerstehen sollen?

  ?Du bist unm?glich, wei?t du das?“, brummte Emmanline nun unzufrieden, weil diese Seite von ihm… sie wirklich weich machte.

  ?Ich wei?.“ Sein Blick wurde wieder ernst. ?Und ich wei? auch, dass ich dir Dank schulde. Für das Risiko, das du heute vor dem Rat eingegangen bist. Ich kann mir kaum vorstellen, was es dich gekostet hat, welche überwindung es für dich gewesen sein muss.“ Nun war Lucien es, der sanft über ihre weiche Wange strich, und seine Augen wurden erneut liebevoll. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und ihr Atem stockte, als h?tte sie keine Kontrolle mehr über sich selbst... nicht über ihren K?rper und erst recht nicht über ihren Verstand. Dieser Drache spielte mit unfairen Mitteln, aber innerlich mochte Emmanline das. Allein seine Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte und sogar offen ihr gegenüber zeigte, ohne dass gewisse Grenzen existierten. Seufzend ergab sie sich diesem Mann und lehnte sich anschmiegsam an seinen harten K?rper.

  Nein, ich kann ihm nicht widerstehen.

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